VOM ENDE ZUM ANFANG
Die Dorferneuerung nähert sich ihrem Ende zu. Also höchste Zeit um am Ende dieses Heftes einen Blick darauf zu werfen.
Hat das Dorf nun einen wunderbaren Mittelpunkt, also vielleicht nicht den Nabel der Welt, sondern den Nabel des "Soyen-Kosmos"?
Zunächst hatte man sich vor Ort wirklich was vorgenommen.
Es wurden Arbeitsgruppen gebildet, ein Ausflug nach Tierhaupten gemacht.
Vier Gruppen hatten unabhängig voneinander Visionen für eine neue Mitte des geliebten Heimatortes entwickelt.
Es gab zahlreiche Einreichungen der Bürger, die Ihre Ideen preisgaben. Architekt Otto Kurz entwarf eine Mitte, damals noch mit dem Rathauschef
und nun Altbürgermeister Karl Fischberger.
Die historische Chance die erworbene Bahnbrache auf zu werten ist für die Gemeinde eine Pflichtaufgabe. Man hatte auch schon mit der 1200Jahr Feier auf dem damals frisch erworbenen Gelände probegefeiert.
Ein paar gefällte Eichen, die schneller verschwanden als sie von der Unteren Naturschutzbehörde als Naturdenkmal kartiert wurden, haben den damaligen Bürgermeister schon den Blick nach vorne richten lassen. "Blick nach vorne richten" war die Überschrift in der Lokalpresse gemäß dem Motto: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer".
Dazu kam das etwas unsensibel in die Dorfmitte gesetzte Ensemble um den verschwundenen historischen Soyener Bahnhof.
Das hatte dringend eine Außenanlage respektive Einbettung in das Dorf nötig.
Eine neue Mitte, weil es viele Mitten gibt: Gemeindezentrum, Pfarrzentrum, Sportplatz und Dorfplatz zwischen "Steinhauser" und aktuell stumpf goldener Raiffeisenbank und Dorfwirt.
Den Markusplatz in Venedig oder die Piazza del Campo in Siena hatte da vielleicht jemand vor Augen. Wobei die neu gepflasterten Ortsmitten in Niederbayern oder der Oberpfalz, wo das Amt für Ländliche Entwicklung gerne erneuert und fördert, wunderbar gepflasterte Dorfkerne hervorbrachte. Soyen hatte gute Voraussetzungen: Ein intaktes Dorf, quirlige Bürger. Die Vitalisierung musste nicht herbeigepflastert werden. Ein Kuriosum ist in Soyen der Pflasterbelag, der nicht bis an jede oder besser an keine Geschäftstüre reicht.
Vielleicht wird die Mitte aber auch überbewertet, die dörfliche Mitte die sich nur um einen Straßenplatz entwickelt, ein angestaubter Gedanke der der Realität nicht entspricht. Das gemeindliche Miteinander spielt sich an vielen Orten ab und kann manchmal auch gar nicht verortet werden. Manche Bürger haben ganz individuelle Dorfmitten, auch die eine oder andere Couch vor den heimischen Fernsehern wird dabei sein.
Es wurde schon gerungen ob man eine Bebauung zulässt. Ob die ganze Busschleife nicht ein wenig überdimensioniert ist ob der wenigen Linienverbindungen am Tag. Und, und...
Nein über Abrollgeräusche wurde nicht gesprochen. Die bayrische Dorferneuerung macht halt gerne "RRRRR". Neben den erwähnten Orten in Niederbayern und der Oberpfalz (die listiger Weise oft im Fahrbereich scharfkantiges Pflaster verwenden), könnte man auch noch Unterreit erwähnen,...
Dass die Gemeinde eine Lösung finden muss für dieses Problem- keine Frage!
Das frech auf den jäh endenden Gehweg gesprayte "ENDE" wird nicht das Ende sein. Aber es gesellt sich zu den Stolpersteinen des Projekts. Bei der Tiefgaragenzufahrt geht es drunter und drüber. Wie das zu verstehen ist, weiß die dörfliche Gerüchteküche.
Einen "holprigen Start" hatte der Bürgermeister gesehen beim Spatenstich, den nur wenige Räte und Rätinnen neben den üblichen Honoratioren und Projektbeteiligten beiwohnten.
In diesem Blatt wurden sogar "Nicht-Ortssoyener" als einzige Kritiker und Neider des Projekts ausgemacht. Die Förderung aus dem Topf des Amtes für Ländliche Entwicklung wurde zwischenzeitlich gestrichen, ob besserer Verwendungsmöglichkeiten. Die Gemeinde musste sich ein neues Programm aus dem europäischen Topf ELLER suchen. Hier rechnet man netto und nicht brutto. Kennt sich da überhaupt noch wer aus? Das eine Förderung eine Mühsames Unterfangen ist, ohne dem eine Gestaltung in diesem Umfang nicht geht, unterstrich Thomas Weber indem er den ELLER Bescheid als Trophäe auf der Titelseite des Bürgerblattes präsentierte.
Das so ein Dorferneuerung ein Ringen ist, erfuhr auch die Arbeitsgruppe. Die emsigen Dorferneuerer verbrannten sogar zwischenzeitlich ihr Manifest. Da hats sprichwörtlich geraucht!
Ja fast wäre es zum Raufen gewesen, wofür sich so eine neue Mitte wunderbar eignet - High noon, you know? Nein es wurde wie man das heute in zivilisierten Gesellschaften so macht eine Mediatorveranstaltung in der Schulturnhalle, auch so ein heimlicher Ortsmittelpunkt, abgehalten und danach zogen wieder alle an einen Strang.
Noch wird gestaltet um den Pavillon, der zwischenzeitlich die Form eines gekenterten Segelschiffs, auf dem Weg zum Soyener See einnahm und von dem man wehmütig auf den geschlossenen See blicken hätte können.
Aber es kam anders: Der See ist wieder offen!
Und wie ist's jetzt, die Dorferneuerung? Nein das Helmut Dietl Zitat aus der berühmten Fernsehserie Monaco Franze will hier gar nicht ironisch zitiert werden. Es würde wohl auch zensiert und ganz fertig ist es ja noch nicht.
Wunderschön? Toll? A bissl laut? Ein bisschen Verloren? Ein bisschen unvollendet? Es gibt gelungene Teile, es gibt weniger gelungen Teile - wie bei jedem Projekt. Jeder wird es ein wenig anders sehen.
Es wird darauf ankommen was die Bürger daraus machen. Neigt sich die Dorferneuerung Ihrem Ende zu beginnt die Nutzung! Ein ANFANG!
Was machen die Bürger und Vereine aus dem zur Verfügung gestellten Raum? Welche Veranstaltungen wird es geben? Welche Infrasturktur ist nötig um kleine Aktionen auf der Mehrzweckfläche zu ermöglichen? Braucht es dazu beispielsweise eine feste Toilette? Wie viele Züge und Buse werden an "SOYEN CENTRALE" einmal halten - hoffentlich mehr als heute. Was macht man aus den Schwachpunkten? Was hats wirklich gekostet und kann man sich das in Zukunft leisten? Was kann man für zukünftige Projekte lernen und wie gestaltet man Bürgerbeteiligung in Zukunft?
Vielleicht ist es kein neuer Ortsmittelpunkt geworden, sondern eine Verbindung der schon erwähnten heimlichen Mittelpunkte. Die Verbindung von See und Dorfmitte ist jedenfalls ganz nebenbei, auf wundersame Weise, mit entstanden.
Ein ANFANG ist gemacht!
Ehemaliger Gemeinderat Helmut Grundner